Apeldoorn, 29. März 2021 – Die Ever Given, 400 Meter lang und 60 Meter breit, liegt quer im Suezkanal. Es ist eine Herausforderung, sie wieder flott zu bekommen, aber das wird gelingen. Den Schiffsverkehr im Suezkanal anschließend wieder in Gang zu bringen, ist eine noch größere Herausforderung!
Blockade im Suezkanal
Im Durchschnitt passieren täglich 50 Schiffe den 193 Kilometer langen Kanal, und zwar in drei Konvois: zwei aus südlicher Richtung und einer aus nördlicher Richtung. Derzeit warten insgesamt mehr als 300 Schiffe darauf, den Suezkanal passieren zu können. Nicht nur die Fracht auf diesen Schiffen hat Verspätung, auch in den Häfen wartet Fracht, die derzeit nicht transportiert werden kann. Zu Recht eine enorme logistische Herausforderung.
Mithilfe von AIS-Daten (Automatic Identification System, kurz AIS, ein auf Transpondertechnologie basierendes System zur Verfolgung von Schiffen) können wir sehen, welche Schiffe sich wo befinden. Allerdings sind nicht alle Schiffe verpflichtet, über ein AIS zu verfügen; diese Verpflichtung gilt ab 300 Tonnen auf internationalen Wasserstraßen (sowie für alle Passagierschiffe).
Mithilfe von Satellitenbildern können wir für dieses riesige Gebiet Daten darüber gewinnen, wie viele Schiffe es insgesamt gibt, unter welchen Bedingungen sie liegen, wie die Umgebung aussieht, was dort geschieht, wie sich die Situation verändert usw. Durch den Einsatz von ERDAS können wir diese Daten zu aussagekräftigen Informationen verarbeiten.
Radarbilder von Satelliten wie Sentinel-1, die mit Synthetic Aperture Radar (SAR) aufgenommen wurden, zeigen das Gebiet wie eine Art „Röntgenaufnahme“.
Oben sehen wir das Radarbild vom 24. März bei Suez; die weißen, hellen „Punkte“ sind Schiffe. Von den folgenden Daten – 18., 24., 25. und 27. März – liegen Sentinel-1-Bilder vor. Damit lässt sich ein Überblick darüber gewinnen, wo und was sich befindet.
Es liegen auch Landsat-8-Bilder vom 18. März vor, die uns Aufschluss über die Lage geben können. Dieser Satellit liefert ein aktuelles optisches Bild des Suezkanals. Übrigens deckt ein Landsat-8-Bild ein Gebiet von 185 km x 180 km ab; es waren zwei Bilder erforderlich, um das Gebiet rund um den Suezkanal abzubilden. Wenn wir nun die Radardaten vom 18. März und vom 27. März nebeneinander auf das Landsat-8-Bild legen, erkennen wir sofort eine enorme Veränderung.
Kein einziges Schiff fährt auf dem Suezkanal; alle warten bei Port Said, den Bitterseen und Suez.
Wärmebild
Landsat 8 verfügt nun über verschiedene Sensoren an Bord, darunter TIRS (Thermal InfraRed Sensor). Dieser Sensor hat eine Auflösung von 100 × 100 Metern, allerdings werden diese TIRS-Wärmebänder auf 30 Meter neu berechnet, um sie an die multispektralen Bänder anzupassen.
ERDAS IMAGINE® kann diese Daten in Grad Celsius anzeigen. Hier sehen wir das Bild vom 18. März in Kombination mit dem Radarbild vom 27. März. Die Wassertemperaturen liegen bei etwa 18 Grad, an Land steigen die Temperaturen sogar auf maximal 41 Grad. Die negativen Werte stammen übrigens von Wolken, die im Bild als grüne Flecken zu sehen sind.
Eine echte Herausforderung: lebende Fracht, gekühlte Waren, die in einer heißen Region liegen bleiben. Wer darf als Erster durch den Suezkanal fahren, sobald es möglich ist? Anhand der Radarbilder und mithilfe der SAR-Feature-Extraktion lassen sich die Schiffe leicht zählen. Ein paar Kennzahlen für Port Said: Am 26. März lagen dort bereits 90 Schiffe.
Die Bittermeren haben sich dadurch zu einem „Liegeplatz“ für etwa 40 Schiffe gewandelt.
Radar erkennt mehr als nur Metall; Radar ist die aufgefangene Reflexion der ausgestrahlten Energie. Die Kreise auf der linken Seite des Bildes sind bewässerte Felder. Die unterschiedlichen Helligkeitsstufen zeigen an, ob dort Pflanzen wachsen oder nicht. Auf der rechten Seite des Bildes sind als schöne gepunktete Linie Hochspannungsmasten zu sehen.
An der Südseite des Suezkanals befindet sich der Engpass; dort liegt die „Ever Given“, und von dort kommt der größte Teil des Schiffsverkehrs. Nach der Strandung am 23. März sehen wir auf den Bildern, dass sich innerhalb weniger Tage ein 55 km langer „Stau“ vor der Einfahrt zum Suezkanal gebildet hat.
Eine schnelle Lösung?
Und die Ever Given? Dort wird fleißig gearbeitet; zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels ist das Heck bereits wieder freigelegt. Die Radarbilder zeigen deutlich, dass die Schiffe am 24. März Platz für die Bergungsschiffe gemacht haben. Am 25. März sind die Schlepper vor Ort, und am 27. März sehen wir, wie am Heck Platz geschaffen wird.
Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis alle logistischen Herausforderungen gelöst sind und der Verkehr den Suezkanal wieder ohne Verzögerungen nutzen kann. Mithilfe von Satellitenbildern und remote sensing können wir die Lage beobachten.
Update 29. März, 15:18 Uhr: Das Schiff wurde inzwischen freigeschleppt, und der Verkehr läuft wieder.
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Harald ist Business Consultant bei IMAGEM. Er fungiert als Bindeglied zwischen Wirtschaft, Vertrieb und Technik und kümmert sich inhaltlich um die Kunden. Gemeinsam mit den Entwicklern erarbeitet er Lösungen für den Bereich öffentliche Ordnung und Sicherheit, für Bildungseinrichtungen oder für digital twins.
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Harald Görtz
Unternehmensberater